Nikolaos Zias: Die Ikone der Geburt Christi in der Orthodoxen Kunst

Die Ikone der Geburt Christi

in der Orthodoxen Kunst

Dr. Nikolaos Zias
Univ. Prof. em., Universität Athen

 

geburt osiosloukas

Die Ikone der Geburt
Hosios Lukas Kloster
Stiri, Viotien

Die Geburt Christi, dieses größte Ereignis der Weltgeschichte, wird von der Heiligen Orthodoxen Kirche mit Lobpreisungen und Andacht gefeiert, welche durch die schöngestaltete Hymnographie und friedenspendende Ikonographie wunderbar zum Ausdruck gebracht werden.

Dadurch erlebt der „einfache“ orthodoxe Christ mittels des Raumes der Kirche mit seinen Sinnen das Mysterium der Fleischwerdung, die verwandelt werden, um mittels der Gemeinschaft mit dem Unbeschreiblichen zu entstehen. Indem man die Ikone der Geburt verehrt, „schaut“ man mit seinen Augen die Theologie der Fleischwerdung und spürt die Freude der Menschwerdung. Aber auch der im geistigen Leben unerfahrene Beobachter kann allein von dieser Ikone die geistliche Pracht, die mystische Tiefe und die ästhetische Schönheit der Orthodoxen Kunst erfassen, die wir üblicherweise als byzantinische Kunst bezeichnen.

Die Ikone der Geburt in ihrer vollständigen Gestalt finden wir hauptsächlich in den Jahren nach dem Bilderstreit. In unserem Griechenland haben zwei Kirchen aus dem 11. Jahrhundert überdauert, die Katholika (Hauptkirchen) des Klosters Hosios Lukas und des Klosters Daphni, wo wir auf den Mosaiken die Darstellung der Geburt

Christi in ihrer authentischsten Form sehen. Lassen Sie uns die Grundelemente zusammenfassen, aus welchen die Ikone besteht.

Der mittlere Bereich umfaßt einen felsigen Berg, welcher heiter und hell aussieht, an dessen Fuße sich eine dunkle Höhle öffnet, in deren Mitte sich die Krippe mit dem Christuskind in Windeln befindet, während die Gottesgebärerin an der Seite auf einer Decke liegt. Manchmal wird sie sitzend, manchmal kniend dargestellt. Hinter der Krippe erscheinen die Köpfe der zwei gutmütigen Tiere, des Ochsen und des Esels, die das Christuskind mit ihrem Atem warmhalten. Außerhalb der Höhle am unteren Rand der Ikone sitzt der nachdenkliche Joseph, vielleicht noch immer den Wurm des Zweifels in sich tragend. Am anderen Rand der Ikone ist das erste Bad zu sehen, das die Hebamme Salome dem Neugeborenen bereitet hat.

Rechts und links des Berges verehren und lobpreisen die Engel das Christuskind oder bringen den Hirten, die nächtigen, die frohe Botschaft. Ein Hirtenkind sitzt im Schneidersitz und spielt Flöte. Dargestellt werden auch andere Hirten mit ihren Herden. Von der anderen Seite kommen die Heiligen Drei Könige, gekleidet in  exotische Gewänder, und bringen ihre königlichen Geschenke bringen. Der glänzende Stern, der ihnen den Weg zeigte, steht nun über der Höhle, wie „ein Regentropfen über dem Kopf Christi hängend“, wie der verstorbene Fotis Kontoglu geschrieben hat. Derselbe Ikonenmaler und Schriftsteller vollendet die Beschreibung der Darstellung mit der einfachen Natur, welche sie schmückt: „Wilde Kermeseiche und duftende Kräuter, Myrte und Thymian und anderes schmücken demütig die kargen Felsen, wie man sie in den gesegneten Bergen unserer Heimat sieht.“

Wir sagten bereits zu Beginn, dass die Ikone die Theologie und den geistigen Charakter der Geburt darstellt. Bevor wir die Symbolik der einzelnen Elemente der Darstellung betrachten, lasst uns zuerst die ganze Synthese gemeinsam mit ihrem Still ansehen. Die Synthese der Elemente der historischen Realität (Berg, Höhle, Krippe usw.) mit dem geistigen Element des Himmels, den der goldene Hintergrund der Ikone symbolisiert, sowie der unrealistische zweidimensionale Charakter der Malerei gewähren uns optisch die Synthese des Irdischen mit dem Göttlichen, die Vereinigung des Menschlichen und des Göttlichen. Und dies weder, weil es die Darstellung menschlich macht, wie eine kraftvolle Reflexion, noch, weil es die Realität bereinigt von irdischen Elementen und Bestandteilen, sondern alles verwandelt. Die Synthese folgt am größten – auch in Details – der hymnographischen Tradition, welche in Zusammenhang mit den sogenannten Apokryphen Evangelien steht. So ist die Höhle finster bemalt, genauso finster wie die vorchristliche Welt war, während der gewickelte Säugling ganz in Weiß erstrahlt.

In der westlichen Malerei wird das Christuskind nackt dargestellt, obwohl uns das Evangelium genau berichtet: „… wickelte Ihn in Windeln und legte Ihn in eine Krippe“ (Lk 2,6).

Die zwei Tiere mahnen uns jedes Mal, wenn wir die Ikone verehren: „Der Ochse kennt seinen Besitzer, und der Esel die Krippe seines Herrn; Israel aber hat keine Erkenntnis, mein Volk hat keine Einsicht.“ (Jes 1,3).

In der Mitte der Synthese steht gemeinsam mit dem Christuskind die Allheilige Gottesmutter, und man bekommt den Eindruck, dass beide gemeinsam den zentralen Kreis bilden und sich dadurch die Bedeutung der Allheiligen Gottesmutter im Heilsplan des Menschen zeigt, aber auch mittels der Allheiligen Gottesmutter die Bedeutung des Menschengeschlechts betont wird und dessen Bekenntnis zur göttlichen Gnade. Joseph bleibt aber außerhalb dieses Kreises. Dadurch wird dem Gläubigen beim ersten Anblick bewusst, dass die Empfängnis ohne Mann erfolgt ist, und, obwohl Joseph nachdenklich verbleibt, bestätigt er mit seiner Unwissenheit und seinem Zweifel das große Mysterium. Ein Troparion der Kirche könnte ohne Zweifel diese Darstellung andeuten: 

So sprach Joseph zur Jungfrau Maria: „Maria, welch’ ein Drama sehe ich an dir? Ich verzage und erschauere und mein Geist ist bestürzt. … Nicht länger vermag ich die Schmähung der Menschen zu ertragen …”

Josephs zweifelnde Einstellung ermutigt jene, welche die mystische Geburt nicht begreifen können. Sie ermutigt alle, welche die Botschaft des Evangeliums nicht mit einfachem Herzen annehmen können, wie die gutherzigen Hirten, die ihre Hoffnung in Gott setzen, um Zweifel und verschiedenste böse Gedanken zu überwinden. Denn in einem anderen Troparion wird Joseph die Antwort geben:

„Ich habe, spricht er, die Propheten erforscht und ward durch einen Engel belehrt, ich glaube, dass Maria auf unerklärliche Weise Gott gebären wird, und Weise aus dem Osten mit Geschenken kommen werden, Ihn anzubeten.“

Die Heiligen Drei Könige, Weise und gutwillige Suchende der Wahrheit ihrer Zeit, werden hier zu Vertretern all derjenigen, die suchen und lange Wege gehen, um der Fleisch gewordenen Wahrheit zu begegnen, welche der geborene Christus ist. 

Es bleibt noch das liebevolle Detail des ersten Bades des Säuglings. Möglicherweise befremdet die Gläubigen diese Szene manchmal, aber die Überlieferung zeigt sie bereits ab dem 6. Jahrhundert bis heute mit einzelnen Ausnahmen. In diesem liebevollen Ereignis, außer der Vertrautheit, mit der manche Theologen die Darstellung erklären, liegt eine Stärkung des Glaubens an die Menschwerdung des Wortes Gottes begründet. Darüber hinaus glauben sie, dass mit dem Eintauchen in das Bad die Taufe des Herrn angedeutet wird. 

Wenn wir einen Vergleich mit der westlichen Ikonographie anstellen, insbesondere seit der Renaissance, werden wir mehrere Unterschiede finden, die manchmal den Unterschied des Geistes zwischen beiden Traditionen hervorheben. Die Höhle wurde mit einem romantischen Auge betrachtet, das alles ausschmückt, zu einem Stall. Die Jungfrau Maria ähnelt einem schönen Bauernmädchen und Jesus einem hübschen und kräftigen Säugling, welcher nackt dargestellt wird. Joseph nimmt einen Platz neben dem Christuskind ein und wird gleichwertig mit der Gottesmutter dargestellt.

Die Huldigung der Heiligen Drei Könige verwandelt sich in eine facettenreiche Parade der Aristokratie zur Zeit des Malers. Die Sentimentalität mit ihrer romantischen Umsetzung und mit ihren manchmal klassizistischen Erinnerungen verdeckt das Mysterium und transformiert die symbolische Darstellung des unbeschreiblichen Mysteriums in eine schöne Beschreibung eines mythisch-historischen Ereignisses im Rahmen der humanistischen Formlosigkeit und der geschönten Harmonie.

Wenn wir uns noch einmal der orthodoxen Ikone der Geburt zuwenden, sehen wir Ereignisse, welche die Logik und die gute Ordnung übersteigen. Wir sehen Ereignisse, die unserem Urteil nach paradox sind. 

Christus wird zum Beispiel in der Krippe und zugleich im Bad dargestellt. Die Heiligen Drei Könige werden zwei Mal dargestellt. 

Der orthodoxe Ikonenmaler stellt die Kategorie der Zeit frei und losgelöst dar, weil Christus außerhalb der Zeit steht. Ungeachtet dessen, dass Er Fleisch geworden ist und in einem historischen Moment geboren wurde, ist er gestern, heute und morgen Derselbe. Diese Überwindung der Zeit, d.h. die liturgische Zeit, wo alles Gegenwart ist, wird uns durch die Malerei dargestellt. 

Die orthodoxe Ikone der Geburt formiert die Theologie der Kirche, indem sie den Maßstab zwischen dem Göttlichen und dem Menschlichen findet, und sie lobpreist mit Farben und Formen, mit Liebe, aber ohne Süßlichkeit, die Menschwerdung und eröffnet dem Gläubigen das Tor zum Mysterium, aber auch die ästhetische Freude und Fröhlichkeit zur wahren Kunst.

Nikolaos Zias

 

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