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Der Eintritt in die Große Fastenzeit ist nicht bloß der Anfang einer Periode der Enthaltsamkeit; er ist der Anfang einer Offenbarung. Denn die Kirche ruft uns nicht dazu auf, Gewohnheiten zu ändern, sondern das wahre Maß unseres Daseins wiederzuentdecken. Sie ruft uns auf, vor dem Mysterium unseres Selbst zu stehen, nicht so, wie wir scheinen, sondern so, wie wir vor Gott sind.

Der erste Schritt auf diesem Weg ist die Wahrheit. Nicht eine theoretische, sondern eine existenzielle Wahrheit. Anzuerkennen, dass wir oft an der Oberfläche unseres Selbst leben und die Tiefe meiden. Dass das Herz in einer Vielzahl von Sorgen zerstreut wird und seine Einheit verliert. Dass der Mensch, geschaffen zur Gemeinschaft, sich daran gewöhnt, als verschlossene Einheit zu leben, aus Angst vor der Liebe, denn die Liebe erfordert Ausgang und Hingabe.

Die Große Fastenzeit ist genau dieser Ausgang. Es ist der Weg von der Selbstgenügsamkeit zur Gemeinschaft, von der Illusion der Fülle zur Demut der Suche. Denn nur wenn der Mensch seine Armut akzeptiert, kann er die Fülle Gottes empfangen.

Das Fasten ist in seiner tiefsten Bedeutung keine Verneinung der Welt, sondern Befreiung von der Abhängigkeit. Es ist keine Verachtung der Materie, sondern Wiederherstellung der Freiheit. Der Mensch, der fastet, lernt, sich nicht der Notwendigkeit zu unterwerfen, und entdeckt, dass sein Leben nicht darauf gründet, was er besitzt, sondern auf dem, Wener liebt.

Ebenso ist das Gebet keine religiöse Pflicht, sondern der Atem der Seele. Es ist die Rückkehr des Geistes in das Herz und des Herzens zu Gott. Im Gebet hört der Mensch auf, das Zentrum der Welt zu sein, und wird zum Empfänger der göttlichen Gegenwart. Und dann entdeckt er, dass das wahre Leben nicht Selbstbestätigung ist, sondern Gemeinschaft.

Und die Buße, die im Zentrum dieser Zeit steht, ist keine psychologische Schuld, sondern ontologische Umkehr. Sie ist die Änderung der Seinsweise. Es ist der Augenblick, in dem der Mensch aufhört, für sich selbst zu leben, und beginnt, in Beziehung zu leben. Denn die Sünde ist in ihrem Wesen nichts anderes als der Bruch der Beziehung, und die Buße ist ihre Wiederherstellung.

Deshalb ist die Große Fastenzeit eine Zeit der Freiheit. Nicht, weil das Leben einfacher wird, sondern weil es wahrhaftiger wird. Der Mensch, der diesen Weg beschreitet, entdeckt allmählich, dass sein Herz sich weitet, fähig wird, Gott und den Nächsten zu umfassen. Und dann hört das Dasein auf, ein Überlebenskampf zu sein, und wird zum Mysterium der Gemeinschaft.

Am Ende dieses Weges steht nicht der Mangel, sondern die Auferstehung. Denn die Große Fastenzeit hat keinen Sinn in sich selbst; sie ist der Weg, der zu Ostern führt. Sie ist der Gang durch das Kreuz zum Leben. Und jene, die diesen Weg in Wahrheit und Demut gehen, entdecken, dass die Auferstehung nicht nur ein Ereignis Christi ist, sondern auch eine Möglichkeit des Menschen.

Lasst uns also in diese heilige Zeit mit Stille und Hoffnung eintreten. Nicht als Verpflichtung, sondern als Einladung. Nicht mit Furcht, sondern mit Vertrauen. Denn der Gott, der uns zur Buße ruft, ist derselbe, der uns das Leben schenkt. Und der Weg zu Ihm ist immer ein Weg aus der Dunkelheit ins Licht, vom Tod zur Auferstehung, von der Zersplitterung zur Fülle der Gemeinschaft.