Die Fastenzeit: Eine Reise auf Ostern zu

Erzpresbyter Alexander Schmemann

Wenn ein Mensch eine Reise antritt, sollte er wissen, wohin er geht. So verhält es sich auch mit der Fastenzeit. Die Fastenzeit ist vor allem eine geistliche Reise und ihre Bestimmung heißt Ostern, das „Fest der Feste“. Sie ist die Vorbereitung auf die „Erfüllung des Paschas, der wirklichen Offenbarung“. Wir sollten somit zu Beginn diese Verbindung zwischen der Fastenzeit und Ostern zu verstehen suchen; denn sie offenbart etwas für unseren Glauben und unser christliches Leben sehr Wesentliches und Entscheidendes.

Ist es nötig, darauf hinzuweisen, dass Ostern sehr viel mehr ist als ein Fest unter Festen, sehr viel mehr als die jährliche Gedächtnisfeier eines vergangenen Ereignisses?

Jeder, der – und sei es auch nur für ein einziges Mal – an der Feier dieser Nacht teilgenommen hat, die „heller ist als der Tag“, jeder, der diese einzigartige Freude gekostet hat, weiß sehr wohl um sie. Aber woher kommt diese Freude? Und warum können wir mit der österlichen Liturgie singen: „Heute ist alles mit Licht erfüllt, Himmel und Erde und Totenwelt … “? In welchem Sinne feiern wir, wie wir es ja zu tun vorgeben, „den Tod des Todes, die Zerstörung des Hades, den Beginn eines neuen und ewig währenden Lebens …“? Auf alle diese Fragen gibt es nur eine einzige Antwort: Das Neue Leben, das seit beinahe zweitausend Jahren aus dem Grabe heraus erstrahlt, wurde uns geschenkt und all jenen, die an Christus glauben. Es wurde uns geschenkt am Tage unserer Taufe, an dem, wie der heilige Paulus sagt, „wir mit Christus … in seinem Tode begraben wurden, damit auch wir, so wie Christus von den Toten auferstanden ist, in einem neuen Leben wandeln können“ (Röm 6,4). So feiern wir zu Ostern die Auferstehung Christi wie etwas, was bereits eingetreten ist, aber auch wie etwas, das noch auf uns zukommt. Denn jeder von uns hat die Gabe dieses neuen Lebens und die Fähigkeit, es anzunehmen und darin zu wandeln, empfangen. Es ist eine Gabe, die unsere Haltung gegenüber allem in dieser Welt von Grund auf verändert, einschließlich des Todes. Sie gibt uns die Kraft, freudig zu bekennen: „Der Tod ist nicht mehr! “ Gewiss, der Tod ist noch da, immer stehen wir ihm gegenüber und eines Tages wird er uns selbst hinwegraffen. Aber da steht immer noch unser ganzer Glaube, dass Christus durch seinen eigenen Tod die eigentliche Natur des Todes umgestaltet hat, dass er ihn zu einem Hinübergang – zu einem Ostern, zu einem „Pascha“ – gemacht hat in das Reich Gottes, indem er die größte aller Tragödien in den höchsten Sieg verwandelte. „Den Tod durch den Tod zertretend“ hat er uns zu Teilhabern an seiner Auferstehung gemacht. Deshalb sagen wir am Ende der Matutin von Ostern: Christus ist auferstanden! Von nun an herrscht das Leben! Christus ist auferstanden, und kein Toter bleibt in seinem Grabe.

Dies also ist der Glaube der Kirche, wie er durch ihre unzähligen Heiligen bekannt und offenbar gemacht wurde. Doch machen wir indes nicht tagtäglich die Erfahrung, dass dieser Glaube wohl kaum der unsere ist, dass wir immer dieses „neue Leben“ verlieren und verraten und dass wir in Wirklichkeit unser Leben so gestalten, als wäre Christus nicht von den Toten auferstanden und als hätte dieses einzigartige Ereignis nicht die geringste Bedeutung für uns? Dies alles wegen unserer Schwäche, wegen unseres Unvermögens, ständig ein Leben in „Glaube, Hoffnung und Liebe“ auf der Ebene zu führen, auf die uns Christus gehoben hat, als er sprach: „Suchet zunächst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit“. Wir vergessen es ganz einfach – wir sind ja so beschäftigt und so in unsere Alltagsgeschäftigkeiten eingebunden; und weil wir vergessen, versagen wir. Und durch dieses Vergessen, dieses Versagen und diese Sünde wird unser Leben erneut „alt“ – nichtssagend, verdunkelt, letztendlich bedeutungslos – es wird zu einer Reise bar jeden Sinnes, zu einem Ziel ohne Bedeutung. Wir unternehmen alles, um selbst den Tod zu vergessen, und dann tritt er doch ganz plötzlich mitten in unser ach so „von Freuden erfülltes Lehen“: schrecklich, unentrinnbar, absurd. Wir können wohl von Zeit zu Zeit unsere verschiedenen Sünden erkennen und bekennen, wir unterlassen es aber, unser Leben auf das Neue Leben, das Christus uns geoffenbart und gegeben hat, auszurichten. In der Tat, wir leben so, als ob er niemals gekommen wäre. Darin besteht die einzig wahre Sünde, die Sünde aller Sünden, die nicht auslotbare Trostlosigkeit und die Tragödie unseres nur noch nominellen Christseins.

Wenn wir uns dessen bewusst werden, können wir ermessen, was die Wirklichkeit von Ostern umfasst und warum sie die Fastenzeit erfordert und voraussetzt. Wir können nun verstehen, dass die liturgischen Traditionen der Kirche, all ihre Festkreise und Dienste vor allem geschaffen wurden, um uns zu helfen, die Schau und den Genuss dieses neuen Lebens, das wir so leichtfertig verlieren und verraten, wiederzuerlangen, um so bereuen und zu diesem Leben zurückkehren zu können. Aber wie können wir etwas lieben und erstreben, was wir nicht kennen” Wie lässt sich in unserem Leben etwas über alles stellen, das wir nicht gesehen und nicht gekostet haben? Kurzum, wie könnten wir ein Reich suchen, von dem wir keinerlei Vorstellung haben? Es ist die Liturgie der Kirche, die von Anfang an unseren Eintritt in und unsere Verbindung mit dem Neuen Leben des Reiches bewirkte und auch jetzt noch bewirkt. Im Vollzug ihrer Liturgie breitet die Kirche etwas von dem vor uns aus, was „kein Ohr gehört, kein Auge je geschaut und in keines Menschen Herz gedrungen ist, das Gott aber denen bereitet hat, die ihn liehen“. Und im Mittelpunkt dieses liturgischen Lebens, gleichsam als sein Herz und Gipfel, als Sonne, die mit ihren Strahlen alles durchdringt, findet sich Pascha. Es ist das jedes Jahr auf den strahlenden Glanz des Reiches Christi hin geöffnete Tor, der Vor-Geschmack auf die ewige Freude, die uns erwartet, der ruhmvolle Sieg, der bereits jetzt, obgleich noch unsichtbar, die ganze Schöpfung erfüllt: „Der Tod ist nicht mehr!“ Die ganze Liturgie der Kirche ist um Ostern angeordnet und somit wird das liturgische Jahr, d.h. die Folge der Jahresabschnitte und Feste, zu einer Reise, einer Pilgerfahrt auf Ostern hin, auf das Endziel hin, das gleichzeitig der Ausgangspunkt ist: das Ende all dessen, was „alt“ ist, und der Beginn des neuen Weges, ein stetiger „Übergang“ von „dieser Welt“ in das bereits in Christus geoffenbarte Reich.

Indes ist das „alte“ Leben, das Leben der Sünde und der Unwesentlichkeit, nicht leicht zu besiegen und umzugestalten. Das Evangelium erwartet und fordert von dem Menschen eine Anstrengung, zu der er in seinem augenblicklichen Zustand seinem Wese nach nicht fähig ist. Wir sehen uns von einer Vorstellung, von einem Ziel, einer Lebensweise herausgefordert, die gänzlich über unseren Möglichkeiten liegt! Selbst die Apostelfragten ihren Meister entmutigt, als sie seine Unterweisung hörten: „Wie ist das möglich?“ Es ist in der Tat nicht einfach, eine kleinliche Lebensvorstellung, die sich auf de alltäglichen Sorgen, dem Streben nach materiellen Gütern, nach Sicherheit und Lustbarkeiten gründet, zugunsten einer Lebensvorstellung aufzugeben, deren ausschließliches Ziel die Vollkommenheit ist: „Seid vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist“. Diese Welt hingegen verkündet in all ihren „Medien“: „Seid glücklich, macht es euch leicht, wählt den bequemen Weg“. Christus sagt jedoch im Evangelium: „Wählt den schmalen Pfad, kämpft und ertragt eure Leiden, denn das ist der Weg zu dem einzig wahren Glück“. Wie können wir ohne die Hilfe der Kirche diese erschreckende Entscheidung treffen, wie können wir bereuen und umkehren zu dem ruhmreichen Versprechen, das uns jedes Jahr zu Ostern gegeben wird? An dieser Stelle tritt die Fastenzeit auf den Plan. Sie ist die Hilfe, die uns die Kirche als Schule der Buße anbietet, die als einzige uns in die Lage versetzt, Ostern anzunehmen nicht als die bloße Erlaubnis zum Essen, Trinken und zum Nachlassen in unseren Bemühungen, sondern wahrlich als das Ende dessen, was in uns „alt“ ist, sowie als unseren Eintritt in das „Neue“.

In der Urkirche bestand das Hauptziel der Fastenzeit in der Vorbereitung der Katechumenen, d.h. der neu zum Christentum Übergetretenen, auf die Taufe, die in jener Zeit während der Osterliturgie vollzogen wurde. Indessen, als die Kirche nicht mehr (nur) Erwachsene taufte und die Einrichtung des Katechumenates wegfiel, blieb der grundlegende Sinn der Fastenzeit derselbe. Denn, obgleich wir getauft sind, ist das, was wir ständig verlieren und verraten, genau das, was wir in der Taufe empfangen haben. Deshalb ist Ostern unsere jährliche Rückkehr zu unserer eigenen Taufe, während die Fastenzeit unsere Vorbereitung auf diese Rückkehr ist, das langwährende und ausdauernde Bemühen, um schließlich unseren eigenen „Hinübergang“ oder „Pascha“ in das Neue Leben in Christus zu vollziehen. Und wenn die Liturgie der Fastenzeit noch heute ihren glaubensunterweisenden und auf die Taufe vorbereitenden Charakter hat, so stellt das für uns nicht etwa ein „archäologisches“ Überbleibsel aus der Vergangenheit, sondern etwas Gültiges und Wesentliches dar. Denn jedes Jahr lassen uns die Fastenzeit und Ostern einmal mehr das wiederentdecken und wiedergewinnen, zu demwir durch den in unserer eigenen Taufe vollzogenen Tod und die durch sie bewirkte Auferstehung geworden sind.

Eine Reise, eine Pilgerfahrt! Und wenn wir sie antreten, wenn wir den ersten Schritt in die „glanzausstrahlende Traurigkeit“ der Fastenzeit tun, sehen wir – in weiter, weiter Ferne – den Zielpunkt. Es ist die Freude von Ostern, der Eintritt in die Herrlichkeit des Königreiches. Es ist dieses geistige Schauen, dieses Vor-Kosten von Ostern, welches die Traurigkeit der Fastenzeit in helles Licht hüllt und unser Fastenmühen zu einem „geistlichen Frühling“ werden lässt. Die Nacht kann finster und lang sein, aber während des gesamten Weges scheint eine nicht erklärbare und strahlende Dämmerung den Horizont zu erhellen. „Enttäusche nicht unsere Erwartung, o Menschenfreund“!

Zitiert nach: Alexander Schmemann, Die Große Fastenzeit – Askese und Liturgie in der Orthodoxen Kirche. (Aus dem Englischen übersetzt von Elmar Kalthoff), [Veröffentlichungen des Instituts für Orthodoxe Theologie Band 2].München 1994.

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